So arbeitet ein Füllhalter-Doktor

Die Feder ist gebrochen? Statt schöner Buchstaben sieht man nur noch Tintenkleckse? Jürgen Kuhse ist zur Stelle, wenn Füller Schwierigkeiten machen: Als Füllhalter-Doktor repariert, pflegt und erneuert er historische Füllhalter. Uns von Listmann erzählt er von seiner spannenden Arbeit.

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Jürgen Kuhse ist Füllhalter-Doktor mit Leib und Seele.

Herr Kuhse, was macht man eigentlich als Füllhalter-Doktor?

Meine Hauptarbeit besteht aus der Pflege historischer Schreibgeräte. Wie beim Auto ist ein regelmäßiger Service hilfreich, um den Füllfederhalter am Laufen zu halten. Das heißt: komplett zerlegen, reinigen, schleifen und polieren, defekte Teile austauschen. Oder, falls möglich, Teile anfertigen. Danach kann ein ehemals unansehnliches Stück wieder fast wie neu erscheinen.

Die meiste Arbeit macht dabei die Suche nach passenden "Organspendern". Das sind Füllhalter, die ich ausschlachten kann, wenn Firmen Teile für historische Schreibgeräte nicht mehr vorrätig haben. Dafür braucht man viel Geduld, Nerven und Erfahrung. Alte Materialien reagieren manchmal nicht so, wie man es erwartet oder erhofft hat – man kann leider nicht jedem "Patienten" helfen, aber einen Versuch ist es immer wert.

Wie sind Sie zu diesem etwas außergewöhnlichem Beruf gekommen?

Meine Mutter hat das Sammlergen an mich weitergegeben. Sie sammelte Puppen und Spielzeug und irgendwas "musste der Jung dann auch machen". Nach einigen Ausflügen in andere Sammelgebiete bin ich in den 80er Jahren an einen Pelikan 100 aus den 30er Jahren gekommen. Damit fing alles an. Um das Hobby zu finanzieren, habe ich mich in den Antikhandel meiner Mutter eingeklinkt. Ab da wurde gesucht, gefunden und restauriert. Was ich doppelt hatte, bot ich wieder an. So wurde aus einer Nebentätigkeit während des Studiums eine komplette Selbstständigkeit nach dem Studium. In dieser Zeit wurde ich von Schreibgerätehändlern angesprochen, ob ich auch mal für einen Kunden etwas in Ordnung bringen würde.

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Der Füllhalter-Doktor ist stets auf der Suche nach alten Schätzen für seine Sammlung.

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Regelmäßige Reinigung verlängert die Lebensdauer von Füllern.

Mit welchem Problem kommen die Kunden besonders häufig zu Ihnen?

Hauptproblem ist immer: "Der kleckst und schreibt nicht mehr!" Füllfederhalter trocknen ein oder werden nie gereinigt. Da hilft nur: auseinanderbauen und alle Teile im Ultraschall reinigen. Danach erkläre ich den Kunden, dass sie ihre Füller ab und zu auch reinigen sollten …

Typische Problemfälle sind auch verbogene Federn oder der Bruch durch einen Sturz auf den Boden. Hier braucht man die angesprochenen "Organspender", um die betroffenen Teile auszutauschen.

Hatten Sie schon mal einen besonders schwierigen Fall?

Da gibt es unzählige. Mich interessieren aber vor allem die noch ungelösten Fälle. Sprich: diejenigen, für die mir noch Teile fehlen. Ich freue mich riesig, wenn ich nach Jahren der Suche endlich das passende Teil finde. Für einen normalen Menschen mag das etwas befremdlich sein, aber Sammler wissen vermutlich, wovon ich rede – wir sind etwas verrückt, aber harmlos!

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Jürgen Kuhse widmet sich jedem "Patienten" mit voller Aufmerksamkeit.

Warum mögen Sie das Schreiben von Hand?

Weil es etwas sehr Persönliches in der sehr unpersönlichen Welt ist, in der wir leben. Soziale Netzwerke sind schön und gut – aber ein Liebesbrief von Hand kommt immer besser rüber als eine digitale Textnachricht – auch wenn die Rechtschreibkorrektur fehlt. Außerdem fasziniert mich die große Bandbreite verschiedener Füllhaltermodelle und eine schier endlose Auswahl unterschiedlicher Tinten.

Wie viele Füllhalter besitzen Sie?

Ich sammle Füllfederhalter von Pelikan, Montblanc und Kaweco. Ich komme auf insgesamt etwa 800 Stück, mein Warenbestand ist um ein Vielfaches höher. Circa 300 Füllhalter meiner persönlichen Sammlung gehören zu Pelikan. Typisch für den deutschen Markt ist der Stresemann-Füller, der gut erkennbar ist an seinem schwarz-grünen Streifenmuster. Mir persönlich gefallen die historischen Vorkriegsmodelle am besten, vor allem diejenigen in tollen Farben. Dazu sammle ich die passenden Werbungsanzeigen der Firma Pelikan.

Gibt es einen besonderen Füllhalter in Ihrem Leben?

Ja, den Füllfederhalter von meinem Opa. Mit ihm habe ich all meine Uniklausuren geschrieben. Er ist nichts wert, ist für mich jedoch emotional unbezahlbar.

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Für Füllhalter der Firma Pelikan hat Jürgen Kuhse eine besondere Schwäche.

Wo kann ich mich melden, wenn ich ein Problem mit meinem Füllhalter habe?

Einen direkten Draht zu mir bekommen Sie per E-Mail: nakilep(at)t-online.de. Hier erkennt man auch meine Leidenschaft für Pelikan: nakilep ist ein Anagramm für Pelikan. Historische Schreibgeräte verkaufe ich bei Ebay. Dabei handelt es sich ausschließlich um sorgfältig restaurierte Stücke – nicht "verkauft wie gefunden".

Vielen Dank für das Interview, Herr Kuhse!